Altschottische Freimaurer-Loge Essen:

"Zur starken Wehr im Westen"

Logenvortrag zu Dramaturgie und Ritual

Aus dem Jahr 2014.


Meine lieben Brüder,


heute beschäftigen wir uns mit dem Ritual. Es geht um das „Dramatische“ im Ritual. Seit der Antike steht das Theater in einem engen Bezug zum Ritual. In der Theatersprache gibt es den Begriff des „Dramas“. Darunter ist ein Theater mit Textgrundlage zu verstehen. Es gibt also feststehende Texte, ein Drehbuch, nach dem das Theaterstück inszeniert und aufgeführt wird. Eben ein solches Drehbuch besitzen auch wir, um das Ritual aufzuführen. Bei uns ist es das Ritualbuch. Wie das Drama im Theater, besteht das freimaurerische Ritual auch aus Akten und Szenen, bzw. Auftritten. In der Freimaurerei erfährt das Ritual-Drama seinen Höhepunkt im Dritten Grad. Ein besonderes Gewicht bekommen hier die Aufnahmezeremonien in die jeweiligen Grade. Es handelt sich hierbei um eine seltsame Mischung aus Drama und Epos. Das nachahmende Drama steht dem erzählenden Epos nicht einfach gegenüber, sondern, sie werden durch das initiatorische Ritual miteinander vereint. Die Epen der Antike handeln von bedeutenden Ereignissen, bei denen oft Götter oder Helden im Mittelpunkt stehen. Im initiatischen Ritual verkörpert der Kandidat selbst diesen Helden. Das lässt bereits einen wesentlichen Unterschied zum klassischen Theater erkennen. Die Teilnehmer am Ritual sind nicht bloße Zuschauer, sie nehmen aktiv an der Aufführung teil. Das klassische Theaterstück wird hingegen nur von Außen betrachtet. Es wird eine gewisse Distanz gehalten. Demgemäß hat das Theater etwas Voyeuristisches. Es kann jedoch die Fantasie des Betrachter beflügeln, Emotionen wecken und eine schwärmerische Faszination auslösen. Dennoch ist dieses Erlebnis nur mittelbar. Das Erleben im Ritual ist hingegen unmittelbar. Eine besondere Dimension erhält dieses Erleben durch die physische Komponente, die eine zeremonielle Initiation mit sich bringt. Die zeremonielle Initiation an sich basiert auf tiefen Urerlebnissen. Das Motiv der zeremoniellen Initiation finden wir auch im Profanen. Als Grundmotiv kann hier das „lernen durch erleben“ festgestellt werden. Dieses Motiv kann im Negativen auch pathologische Züge annehmen. Es sei hier als Beispiel die Mutter zu nennen, die dem kleinen Kind die Hand an der heißen Herdplatte verbrennt, damit es durch diese schmerzhafte Erfahrung lernt, sich von der heißen Herdplatte fern zu halten. Das Motiv ist auch in der praktischen Handwerksausbildung zu finden, wenn der Lehrling etwas Neues versucht und durch die Erfahrung des Erfolges ein Glücksgefühl erfährt. In diesem Moment des praktischen Wissens durch unmittelbare Erfahrung erfolgt eine profane Initiation. Das Initiationserlebnis ist die höchste Erfahrungsform des Rituals. Dieses Erlebnis ist rein spiritueller Natur. Vom Drama kommen wir so zum Dramatischen, worunter umgangssprachlich ein unaufgelöstes Spannungsverhältnis zu verstehen ist.


Wenn in der Freimaurerei von Ritual und Theater die Rede ist, dann fällt oft der Name „Schröder“. Gemeint ist damit der Freimaurer Friedrich Ludwig Schröder. Auf ihn geht das „Schrödersche Ritual“ bzw. die „Schrödersche Lehrart“ zurück. Er war Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker. In der Freimaurerei selbst war er ein Rebell. Er brach mit einigen Konventionen und war nicht überall gern gesehen. Heute wird seine Gestalt oft eher glorifiziert. Sein Ritual wird hoch gelobt. Einige vermuten, dass sein Ritual auf Grund seiner besonderen Kenntnisse und Erfahrungen am Theater so gut sei. Dabei hat gerade er in vielen Dingen eher zurück gerudert. Ludwig Schröder wurde erst 1774 zum Freimaurer. Bruder Lessing war seiner Zeit ebenfalls am Theater tätig. Er beschäftigte sich besonders mit dramatischer Literatur und ästhetischen Theorien. Auch von ihm ist bekannt, dass er so seine Probleme mit dem Zustand der Freimaurerei seiner Zeit hatte. In dieser Reihe kann auch der Freimaurer Goethe genannt werden, der ebenfalls Dramentexte schrieb und programmatische Überlegungen über das Theater entwickelte. Sie alle kannten sowohl das freimaurerische Ritual, wie auch das Theater. Doch nur Schröder entwickelte seine eigene Lehrart. Eine besondere Verbindung ist bei Mozart zu finden. Mit seiner „Zauberflöte“ wurden offensichtlich Erfahrungen aus dem Ritual auf das Theater übertragen. Er hat damit das klassische Theater verlassen und eine uralte Aufführungsform wiederbelebt, das Mysterienspiel. Ganz nebenbei bemerkt, obwohl dieses Stück mittlerweile in der Freimaurerei hoch gelobt wird, so sah man in ihm zu Mozarts Lebzeiten eine Verletzung der Arkandisziplin. Inzwischen sind sogar Teile dieses Werkes in das Ritual übernommen worden. Ohne Zweifel hatte die Zauberflöte einige Geister inspiriert. Betrachten man jedoch diese Lichtgestalten der Freimaurerei, so fällt doch auf, dass keiner von ihnen als „durchschnittlicher“ Freimaurer bezeichnet werden kann. Keiner von ihnen hatte dem allgemeinen Bild der damaligen Freimaurerei entsprochen. Ludwig Schröder gründete sogar eine „irreguläre“ Loge von Schauspielern und Tänzern. Sie trug den Namen „Elise zum wahren Herzen“ und bestand bis 1777.


Erst zum Ende des 18ten Jahrhundert und zum Beginn des 19ten Jahrhunderts, nahmen diese ungewöhnlichen Geister der Freimaurerei allgemeinen Einfluss auf die freimaurerische Ritualistik. Dies geschah im Zuge der Ritualreformen. Die wiederum im Kontext zur französischen Revolution, dem erwachenden Bewusstsein des Bürgertums, wie mit der Zurückdrängung der Aristokratie zu sehen sind. Vormalig war die Freimaurerei vom freimaurerischen Rittertum dominiert. Allem voran das Templer-System der „Strikten Observanz“, oder das „Zinnendorfer´sche Ritter-System“ der Großen Landesloge. Beide Systeme fußen in der französischen Freimaurerei. Sie konnten sich jedoch nur im deutschen und skandinavischen Raum so stark durchsetzen. Man kann sagen, dass das Erwachen des Bürgertums das freimaurerische Ritualwesen verändert hat. Man sah nunmehr im „Englischen Ritual“, oder was man dafür hielt, das „non-plus-ultra“ der Freimaurerei. Das hatte natürlich zur Folge, dass sich die deutsche Freimaurerei, was die Form des Rituals anbelangt, spaltete. Diese innere Spaltung hat bis heute bestand. Das Grundritual ist zwar, wie überall auf der Welt, im Wesentlichen identisch, doch die Ausführung im Detail, und der „Ritual-Epos“, die „Reise des Helden“ unterscheiden sich zum Teil gravierend. Diese Unterschiede können zu völlig verschiedenen Ritualerlebnissen führen.


Als Beispiel möchte ich hier das Ritual der „Französischen National-Großloge“ aus dem Jahr 1913 anführen. Es geht besonders um die kurze Sequenz, in der der Suchende in den Tempel geführt wird und bei den Aufseher verweilt. Die Sequenz beginnt damit, dass der Wachthabende berichtet, dass sich ein Profaner vor der Tür befindet, der zum Freimaurer aufgenommen werden wünscht. Auch hier kommt es zu einem hin und her aus Fragen und Antworten. Als dies nun geschehen ist, kann der Profane eintreten. Nun sieht das Ritual vor, dass die Tür mit gepolter geöffnet wird. Der Suchende wird zwischen die Aufseher geführt. Dann soll die Logentür laut zugeschlagen und hörbar verriegelt werden. Es ist offensichtlich, dass hier ganz bewusst beim Suchenden Gefühlsregungen erzeugt werden sollen. Früher sollte dem Kandidaten sicherlich ernsthafte Angst eingejagt werden. Die nun folgenden Fragen an den Suchenden gleichen einem Verhör. In dem Ritual steht sogar die Anweisung, dass der Suchende durch die Art der Fragen verunsichert werden soll. Bereits an dieser Stelle erhält das Ritual ein äußerst komplexes Wirkungsfeld. So kann diese Situation im Nachhinein individuell gedeutet werden. Doch der wesentliche Sinn dahinter ist der, dass im Körper des Kandidaten physische Reaktionen hervorgerufen werden. Der Kandidat soll einer ganzen Reihe von Gefühlsbewegungen ausgesetzt sein. Das alles wird durch psychische Beeinflussung erreicht. In Wirklichkeit gibt es keine bedrohliche Situation. Der Kandidat befindet sich in absoluter Sicherheit. Doch durch die verbundenen Augen ist er orientierungslos. Sein Inneres wird auf eine echte Probe gestellt. Es ist bekannt, dass die Aufnahme in den ersten Zeiten noch nicht mit verbundenen Augen durchgeführt wurde. Damals war die Aufnahme, soweit wir wissen, eher ein formeller Akt. Der Kandidat trat vor jeden Aufseher einzeln, dann auch vor den Meister und stellte sich jeweils vor, indem er sagte wer er sei, und dass es eine Absicht wäre, in die Bruderschaft aufgenommen zu werden. Diese Form hat Feßler in seinem Ritual übernommen. Es ist anzunehmen, dass sich aus dieser älteren Vorstellungs-Szene auf der einen Seite die Befragung an der Tür, und auf der anderen Seite die Reisen bei der Aufnahme entwickelt haben. Doch es dauerte nicht lange, bis der Kandidat bei der Aufnahme Teil einer Erfahrungsodyssee werden sollte.


Vieles deutet darauf hin, dass die Faszination von den griechischen Mysterien, wie sie in der Literatur jener Zeit zu finden war, auf das freimaurerische Ritual übertragen wurde. Der Kandidat sollte nun nicht nur aufgenommen werden, sondern eine abenteuerliche Reise antreten. Immer mehr wurden diese Motive ausgeschmückt und man versuchte sich darin zu perfektionieren. Das ging so weit, dass während der Reisen Donnergegreul simuliert wurde. Der Kandidat sollte in Zickzack geführt werden damit er gar nicht mehr weiß wo er sich jetzt befinde, wie groß der Raum wäre und was noch alles auf ihn lauern könnte. Bei der Durchsicht der zahlreichen Rituale aus den unterschiedlichsten Zeiten ist mir aufgefallen, dass die Reisen von Ritual zu Ritual völlig unterschiedlich sind. Es gibt kaum Übereinstimmungen, bis auf die, dass es letztlich zu einer Einflussnahme auf den inneren Zustand des Kandidaten kommt. Selbst für die Lichterteilung wurde teilweise mit einer Stichflamme gearbeitet um den Kandidaten zu blenden.


August Horneffer ging auf Grund dieser rituellen Eigenschaften so weit, dass er die Freimaurerei selbst als einen Mysterienbund bezeichnete. Mozart legte dies mit seiner Zauberflöte bereits nahe. Hierbei erinnert er an die Beschreibungen der Isis-Mysterien, bei denen der Kandidat durch die Elemente Läuterung erfahren musste. Es werden wohl diese gedanklichen Verbindungen gewesen sein die dazu führten, dass auch in der Freimaurerei der Kandidat den vier Elementen begegnet. Doch dies ist nicht überall so. Bei meinen Recherchen sind mir die Elemente erstaunlich selten begegnet. In neuerer Zeit tauchen sie erst in den Ritualen der Symbolischen Großloge auf. Von da aus sind sie dann offensichtlich in das Ritual der Großloge AfuAM gekommen. Das zeigt jedoch, dass die Reisen nicht zwangsläufig mit den Mysterien in Zusammenhang gebracht werden müssen. Allen Anschein nach war die frühe Freimaurerei eher zweckmäßig ausgerichtet. Eine Art von „Prüfungen“ gab es auch in den Handwerkszünften. Dort hieß es „Hänseln“. Das Hänseln war auf Spaß gegründet und eher scherzhaft gemeint. In der frühen Zeit gab es eine Anordnung vom dritten Großmeister der Großloge von London und Westminster, John Desaguliers, der eben solche Handlungen und Späße in den Logen untersagte. Dennoch sind Parallelen hier nicht wegzudenken, sowohl was die Handwerksgebräuche anbelangt, wie auch das Mysterienwesen.


Bei meinen Recherchen bin ich auf ein interessantes Initiations-Ritual gestoßen. Es hndelt sich dabei um einen christlichen Mönchsorden. Die Mitglieder dieses Ordens wurden auch als „Väter des Todes“ bezeichnet. Es geht um den „Orden des heiligen Paulus“. Die Mitglieder dieses Ordens trugen schwarze Gewänder mit einem Totenkopf auf der Brust. Bei der Aufnahme des Kandidaten wurde eine Totenmesse gehalten. Vor dem Altar war ein Sarg vorbereitet. Der Kandidat trat vor den Sarg und legte sich dort hinein. Über ihm wurden Totengebete rezitiert. Nach einer Weile wurde ihm aus dem Sarg geholfen. Er war gestorben und nun wieder auferstanden. So trat er vor den Altar. Dort legte er den Eid ab und wurde dem Orden gemäß eingekleidet. Dieses Ritual wurde seit dem Mittelalter zelebriert. Es ist sogar überliefert, dass Kaiser Maximilian I. einige Wochen vor seinem Tod bei sich selbst dieses Ritual durchgeführt hat. Der Sinn dieser Praxis war die innere Reinigung. Der Kandidat sollte der Welt entsterben um in Jesus wieder aufzuerstehen.


In der Freimaurerei begegnen wir ähnlichen Motiven. Die Bilder sind nicht unbekannt. Doch ihre Wirkung ist heute eine andere. Das freimaurerische Ritual lebt vom Erleben des Teilnehmers. Dieses Erleben resultiert aus der Kraft der Vorstellung die dem Menschen eigen ist. Diese Kraft kann so stark sein, dass sie physische Reaktionen auslöst und starke Gefühlsregungen hervorruft. Die Bedeutung der Dramatik des Rituals ist für den Einweihungsprozess von unschätzbaren Wert. Daher ist auch die Beschäftigung mit dem Ritual, besonders aber die Inszenierung, sehr wichtig. Nicht nur die agierenden Beamten, sondern auch die Teilnehmer, die eben nicht nur Zuschauer sind, sondern Figuren in einer integrativen Aufführung, sollten sich dessen bewusst sein. Der Umgang mit dem Ritual und der Bezug zum Ritual können einen tieferen Aufschluss über sich selbst geben.